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Konzertbericht Bauer Becks Open Air

Wir haben lange darüber nachgedacht, wie man diesem wundervollen Abend mit Fotos und Texten gerecht werden kann... aber einer war schneller und hat wahrlich die richtigen Worte gefunden...

dem ist nichts mehr hinzuzufügen...

Lieber Rolf - vielen Dank...

und vielen, vielen Dank an das wunderbare Publikum!

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Albatross von Fleetwood Mac - Flashback-Party in Gelsenkirchen

An einem Freitagabend am Rande der Stadt. Menschen kommen zusammen. Angesagt ist ein Konzert. Die Band heißt „All our friends are dead“, Musik aus der Zeit, als man noch Haare trug. Das klingt nach Woodstock im Seniorenstift. Während ich dies schreibe, höre ich in einer Endlosschleife „Albatross“ von Fleetwood Mac, um mich per Ohrschmaus in diese Zeit zurück zu beamen, die Zeit, als ich noch Haare hatte.

Open air special

Das Konzert findet in Gelsenkirchen statt – bei Bauer Becks. Bauer Becks ist längst kein Bauer mehr. Es gibt ihn im Norden der Stadt. Der Name ist nicht von einer Biermarke hergeleitet, sondern steht für ein bäuerliches, heute denkmalgeschütztes Anwesen aus dem Jahre 1620. Seit ca.100 Jahren wird das Lokal mit großem Biergarten traditionell als Speisegaststätte geführt. Hier steht die Bühne. Zunächst sollte das Konzert im Lokal „Hülser Heide“ stattfinden. Man erlag aber dort der bürokratischen Hürde Genehmigung und so wechselte man geradezu spontan zu Bauer Becks.

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Alte Freunde der unterhaltenden Populärmusik

sind der Musiker Thomas Erkelenz und fünf andere Jungs (Hans Simon, Peter „Doc“ Weinzierl, Uwe Zieborski, Thomas Gebh und Thomas Dirks) in einem Alter, in dem man früher mit Rock-Gitarre nicht auf der Bühne stehen durfte. Die Rolling Stones sind älter. Hier sind es Akustik-Gitarren und es sieht ein wenig aus, als hätten sich Crosby, Stills, Nash and Young nochmal auf die Bühne gesetzt (auf Hockern und Stühlen).

„Irgendwann wurde ihnen klar, dass sie nicht mehr viel Zeit hatten. Wenn sie nochmals richtig Weiber anmachen wollten, mussten sie unbedingt die Band wieder zusammenbringen“, steht auf einer Veranstaltungsseite im Netz. Zur Altersbeschränkung gab es keine Angaben. Am Ende des Konzerts sagt Erkelenz, schon immer ein guter Ansager: „Ab ins Bett!“ Aber alle bleiben noch ein wenig, nicht mehr lang. Früher konnte man eben mehr vertragen.

Zeitsprung-Begrüßungen

„All our friends are dead“ findet man auch in der „World of Warcraft“, dem Land der virtuellen Spiele (Psychohorror-Plattform). Hier auf der Wiese, unter den Bäumen wird die Gitarre gezupft und gestreichelt. Der Psychohorror findet bei einigen zu Hause statt, wenn man sich die alten Zeiten vorknüpft.
Da kommen Menschen zusammen, die sich teilweise Jahrzehnte nicht gesehen hatten. Umarmungsszenen, die alle wie in „Casablanca“ anmuten, nur eben zur Begrüßung. Die Gesichter sind älter, die Tränen echter. Und die Gedankenfetzen schwirren durch den Biergarten. „Gut, dass ich mit dem nicht zusammen geblieben bin“ oder „Mein Gott, ist die alt geworden“. „Du hast Dich kaum verändert“, wird dann charmant gelogen. Bei der damaligen Trennung hieß es noch „Du hast Dich verändert.“

Aber hier wird kein Blues gespielt, hier herrscht der Westküsten-Sound vor oder Lieder wie "How Sweet It Is To Be Loved By You". Und anfangs ist es herzlich wurscht, was das gespielt wird. Es wird sich umgeschaut, wen man alles hier trifft und sieht nach langer Zeit. Es ist kein Klassentreffen. Da fehlen die Lehrer. Die sind fast alle tot. Es ist ein Treffen von Ehemaligen, die sich ehemals regelmäßig getroffen hatten, ob in der Kneipe oder auf Parties, im Urlaub oder im Garten. Manche Paare sind immer noch zusammen, andere tragen einen feinen Zwirn, ein Hinweis auf die gute Karriere als erfolgreicher Außendienstler.

Auflauf ohne Facebook

Ein paar E-Mails, eine Zeitungsmeldung. Das reichte, um schnell mal ein paar hundert Leute zusammenzubringen, die eines gemeinsam haben: die Zeit, die gemeinsame. Die meisten kennen sich, viele auch vom Anfassen. Ein paar sind neu, die siebzehnjährigen Kinder, die einander heute über das Gesichtsbuch unhaptisch kennenlernen. Hier trifft eine Einladung auf ein soziales Netzwerk, das sich nie wirklich verknüpft hat. Sie waren halt alle da, wo was war. Jetzt trinken sie Bier und essen die einzigen Speisen des Abends, Wurst oder Schnitzel. Und sie lauschen der jetzigen Freizeitband dann doch, alle haben sich inzwischen gesichtet, zugewunken, umarmt, gedrückt oder beiläufig zugenickt.

Nachtflug

Am Ende gibt es eine Zugabe. Die Boys in the Band spielen „Albatross“ von Fleetwood Mac, als sei es ihr eigenes Stück. Ist es ja auch, das Stück Vergangenheit. Ich schaue in den Himmel bei Bauer Becks und hebe ab, schwebe über die mondbeschienenen Felder. Die Gitarren tragen mich – längst mit großen, silberfarbenen Flügeln bestückt –langsam in die Vergangenheit, unter mir die Gräber von Janis Joplin, Jimi Hendrix und Benno, der schon gestorben ist, als er noch Haare hatte.
Sanfte Gitarrentöne dringen in mein Ohr. Ich schrecke auf, liege in einem Versorgungszelt bei Bauer Becks, die Vögel zwitschern. Auf meinem Bauch eine Hand mit Ehering. Wie hieß sie noch gleich? Oh, nein, es ist Wilfried. Wir haben uns zwanzig Jahre nicht gesehen.
Es läuft „Oh Well“, ein anderes wunderbares Stück von Fleetwood Mac. Hör mal rein, junger Mensch!

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